Laudatio Kodak

Laudatio auf den Kodak Preis der Jury – ORWO 2012

Hans-Eberhard Hess

Dieser Kalender ist mehr als nur ein Kuriosum, mehr als eine Reminiszenz an die Mode und eine der 1960er und Siebziger Jahre geschuldeten Bildauffassung von Porträtfotografie. Er ist vielmehr ein Stück Zeitgeschichte der ehemaligen DDR und nicht nur das. Er führt zurück auf die Anfänge eines Mediums, zurück zur Filmfabrik in Wolfen, wo 1936 der weltweit erste Mehrschichtenfarbfilm gegossen wurde. ORWO (Original Wolfen) war später die Filmmarke des Ostens, die selbst im Westen – vor allem unter den Fotostudenten – reüssierte.
Dass es den Kalender überhaupt gibt, ist eine typische Flohmarktgeschichte und zwei Menschen zu verdanken. Erasmus Schröter, selbst Fotograf in Leipzig, seit Jahren obsessiv auf der Suche nach Material von unbekannten DDR-Fotografen, entdeckte einen Jahrgang der Monatszeitschrift des Friseurhandwerks „Die Frisur“. Fasziniert von den Titelbildern, machte er sich auf die Suche nach dem Autoren und fand ihn quasi vor Ort. Gerhard Fuhr, heute 89 Jahre alt, lebt nach wie vor in Leipzig und hat seine alten Diafilme aufbewahrt. Nicht im Traum hat er daran gedacht, dass seine bis in die Haarspitzen akkuraten Bilder, deren Linie einmal im Jahr von einer Modekommission der Friseure aus Berlin festgelegt wurde, noch einmal Verwendung finden würden.
Der Kalender lebt von einer seltenen Authentizität, gibt ein Stück jüngerer deutscher Vergangenheit mit solch frappierender Frische wieder, dass jede digitale Fummelei und HDR-gehypte Ideallandschaften, all die aufgejazzten Werbewelten und dramatisch gehöhte Nichtigkeiten zerplatzen wie unnötig schillernde Seifenblasen.
Natürlich zählen auch Gerhard Fuhrs Bilder zu einer Welt der Mode und Werbung, als diese in Deutschland noch Reklame hieß. Die Jury ließ sich nicht beirren. So original können wir nur selten zurückblicken. Und das ein ganzes Jahr lang jeden Monat mit köstlichem Vergnügen.

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