GREGOR 2014

1:X – Zwölf Lupen­bli­cke

Mit dem „GREGOR 2014“ wur­de ausgezeichnet:

1:X – Zwölf Lupenblicke
Stiftung Palmengarten und Botanischer Garten in Frankfurt am Main
Konzeption: Clemens Hilger, Hilger & Boie Design, Wiesbaden

Der Kalender der Stiftung Palmengarten Frankfurt beginnt im Frühling 2014 und begleitet uns bis zum Frühling 2015. Alle gezeigten Pflanzen stammen aus dem Palmengarten, wurden frisch gepflückt, seziert und optisch faszinierend aufbereitet. Ein adäquates Zusammenspiel von Gestaltung, Fotografie, Text und Typografie, Druck und Verarbeitung führt in diesem Kalenderprojekt zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk. In Venedig wäre dem Kalender die goldene Palme verliehen worden, in Stuttgart gibt es GOLD und Applaus.

Laudatio von Andreas Langen, die arge lola
Dass der Hauptgewinner (dieses Wettbewerbs) hervorragend gestaltet, brillant gedruckt und solide hergestellt ist, versteht sich von selbst; teilweise sehen Sie es bereits in der Reproduktion.

Was Sie hier nicht erkennen können, und was sich erst bei näherer Betrachtung erschließt, ist die wunderbare Vielfalt seiner Details. Vorgestellt wird auf jedem Monats-Doppelblatt ein pflanzlicher Bewohner des Palmenhauses – und zwar mit ausgesuchter Raffinesse. In einer „visuellen Petrischale“ – was für eine Wortschöpfung! – ist Blüte, Sproß oder Frucht der Pflanze in natürlicher Größe zu sehen; sodann in verschiedensten Vergrößerungsmaßstäben, die ihrerseits wieder zum Spielmaterial einer feinfühligen Grafik werden. Mit neuen Augen sehen wir auf diese Weise prächtige Passionsblumen und giftige Eiben, Essbares Gold, nützliches Chinaschilf, Präriesonnenhut, Liebesperlenstrauch und Aloe Vera. Letztere ist bekannt aus der Naturkosmetik, die Geschichte ihrer Entdeckung jedoch ist nichts für zarte Gemüter.

Nebenbei: auch die Monatsnamen kommen nicht einfach so daher, sondern in vielen sprachlichen Varianten. Januar ist außer Jänner noch Hartung, Eis-, Schnee- und Wolfs-Monat; November Nebelung, Oktober Dachsmond, September Scheidling und April Launing – aber zurück zur Aloe.

Der harmlose Heilgel-Träger hat eine mehrfach tödliche Geschichte, an die sein lateinischer Name erinnert, Aloe Rivae – nach dem römischen Botaniker Dottore Domenico Riva, welcher 1892 einer Expedition ins zentralafrikanische Kaiserreich Kaffa beiwohnte, bei welcher Ihro Hoheit Fürst Principe Eugenio Ruspoli zu Tode kam durchs Wüten eines waidwund geschossenen Elefanten; woraufhin das Unternehmen ein abruptes Ende fand. Dottore Riva rettete zwar die wissenschaftliche Ausbeute, darunter die Aloe-Pflanze, daheim in Rom aber dankte  ihm das niemand nicht, und so beendete er, mittellos, einsam und verzweifelt, noch nicht einmal fünzigjährig, sein traurigen Dasein mit dem Freitod.

Wie gesagt: nur bei näherer Betrachtung offenbart sich diese dramatische Episode. Aus kalenderüblichem Abstand bleibt das Ganze ein Fest fürs Auge.

Apropos Fest: Am ersten März veranstaltet der Herausgeber den „Frühlingsball“, und was ein echter Kalender-Champion ist, der gebietet natürlich auch souverän über die Zeit. Daher lässte er diesen Kalender im März beginnen. Charmant, findet die Jury, nicht zuetzt, weil der Erlös von Ball und Kalender einem neuen Blüten- und Schmetterlingshaus zugute kommen. Dieses ist nach der großen Frankfurterin Maria Sibylle Merian benannt, und weil diese Naturforscherin und Künstlerin auch eine Meisterin der Sprache war, sei ihr hier zum krönenden Abschluss das Wort überlassen:

„So muss Kunst und Natur stets miteinander ringen/
bis daß sie beiderseits sich selbsten so bezwingen/
damit besteh´auf gleichen Strich und Streich/
die überwunden wird, die überwindet gleich/
So muss Natur und Kunst sich herzen und umfangen/
und diese beiderseits die Hand einander langen!“

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